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Im Herzen des Gebirges
Wer in Abu Zenima die Küstenstraße verläßt, kommt in immer engere Wadis, die zur Oase von Feran führen, dem einzig bewohnten und bearbeiteten Fleckchen Erde inmitten der grenzenlosen Einsamkeit der Halbinsel. Am Ausgang dieses grünen Engpasses, wo Palmen und Oleander ihre Farben angenehm vermischen, beginnt der letzte Reiseteil.
Die hohen, schroffen, zerklüfteten Berge und die wilde Unberührtheit des Ortes geben einen äußeren Rahmen ab, der uns an den Beginn der Welt denken läßt. Hier erhielt Moses die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten, als er die Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft führte. Hier brannte der Dornbusch, und von Alexandria hierher brachten die Engel später den Körper der Märtyrerin Katharina. Diese Ereignisse ließen den Moses-Berg zur Wiege des Monotheismus und das Katharinenkloster zu einem Wallfahrtsort der Christenheit werden. Was zählt hier schon Genauigkeit oder Einbildungskraft der Legende? Wer könnte die ergreifende Größe dieses Ortes leugnen, der sich seit etwa 3500 Jahren gar nicht oder doch nur unmerklich verändert hat?
Am Fuß des Berges, am Ende eines engen Tales, errichteten Mönche die der Hl. Katharina geweihte Klosterfestung, heute von griechisch-orthodoxen Ordensleuten bewohnt, die ihren eigenen Erzbischof wählen. Die Klostergründung geht auf das 6. Jh. zurück, aber die diversen Gebäude verteilen sich auf verschiedene Epochen. Heute betritt man das Innere durch ein Tor aus dem frühen 19. Jh., früher wurden die Besucher in einem Korb nach oben gezogen, hinauf zu diesem Ort vollkommener Abgeschiedenheit, wo Friede und Ruhe herrschten. Außer der Kirche in byzantinischen Stil birgt das Kloster unermeßliche Reichtümer, die sich im Laufe der Jahrhunderte angesammelt haben. Im Museum zieht die bewundernswerte Ikonensammlung noch mehr Aufmerksamkeit auf sich als die wertvollen Reliquienschreine des Klosterschatzes. In der Bibliothek finden sich trotz der von Reisenden des vorigen Jahrhunderts begangenen Plünderungen eine Vielzahl von Manuskripten in allen orientalischen Sprachen. Dort stieß man auch auf den berühmten Codex Sinaiticus, ein Bibelmanuskript aus dem 4. Jh., das heute im British Museum aufbewahrt wird. In der Mitte des schönen, von Zypressen umstandenen Gartens erinnert uns das Beinhaus mit seiner beeindruckenden Anhäufung von Mönchsgebeinen und ganzen Bischofsskeletten an die Nichtigkeit allen menschlichen Tuns.
Unmöglich diesen Stätten wieder den Rücken zu kehren, ohne zum Gebel Mussa (Moses-Berg oder Hl. Gipfel) oder zum Gebel Katherina (Katharinenberg) hinaufgestiegen zu sein. Am günstigsten ist die Zeit vor der Morgendämmerung, denn dann erlebt man den Sonnenaufgang auf dem Gipfel: plötzlich scheint der ganze Sinai in rote Glut getaucht, färbt sich rosa und golden und steht in prächtigen Flammen.
Blau des Himmels, Blau der Erde
Auf der Hochebene von Hallawi, unweit des Katharinenklosters (den Weg erfragt man am besten an der letzten Tankstelle vor dem Kloster), reduziert sich die Welt auf zwei Grundelemente: Himmel und Erde. Indigo des Himmels, Grau und Gelb der Felsen und Steine. Der Künstler Jean Verame besaß die wundervolle Kühnheit, auf einer weit über unser Blickfeld hinausreichenden Fläche vereinzelte Felsen in Blau, zuweilen auch Rot zu bemalen. Einige wackere Seelen witterten sofort einen Skandal: Umweltschützer entrüsteten sich darüber, daß man an die jungfräuliche Natur zu rühren wage, dabei ist dieser Ort doch so schwer zu erreichen, daß er die Augen derjenigen, die ihn nicht sehen wollen, nie beleidigen wird; Anhänger realistischer Malerei taten ihre Verachtung lautstark kund: denn dieses Gemälde, Sinai Peace Junction, stellt nichts dar. Es ist nur für sich selbst da, so als ob das Himmelsblau sich über die Erde gelegt hätte. Von weitem erkennt man zunächst einzelne Flächen, betritt dann nach und nach aber die Malerei: man ergreift Besitz oder wird vielmehr von ihr ergriffen, die reines Zeichen ist.
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