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Alexandria aller Alexandrien

Wieviele griechische Städte, deren Entstehungsmythos berichtet, wie und warum er die Stadt gründete, tragen den Namen eines Helden! In Alexandria hat die Geschichte den Mythos verdrängt. 332 v.Chr. jagte Alexander der Große in Ägypten die Perser. Auf seiner mystisch-politischen Reise zur Oase von Siuah, wo er vom Zeus-Amon-Orakel zum Sohn eines Gottes erklärt wurde, kam er an jener Stelle, Rhakotis genannt, vorbei, an der später Alexandria gegründet werden sollte. Im Jahre 331 v.Chr. wurde alles entschieden. Bis dahin befand sich dort nichts weiter als ein kleiner Fischerhafen zwischen Meer und Sumpfland, welcher der Stadt einverleibt wurde und ein volkstümliches Stadtviertel bleiben sollte.

Auf diesem fast noch jungfräulichen Terrain wurde gemäß des königlichen Willens eine Königsstadt angelegt, die nicht aufhörte, eine solche zu sein, diente sie doch während ihrer dreihundert Jahre währenden Regentschaft den Ptolemäern als Residenz. Von allen Städten, die Alexander vom Nahen Osten bis zur fernen indischen Grenze auf seinem Eroberungsszug gen Osten gründete, tragen zahlreiche seinen Namen, doch findet sich unter ihnen keine, die in der gerade entstehenden neuen Welt so glänzte wie das ägyptische Alexandria. Hatte der Eroberer dies beabsichtigt? Hatte er der Stadt dieses außergewöhnliche Schicksal prophezeit? Niemand wüßte auf diese Fragen zu antworten. Auf jeden Fall wurde es, möglicherweise dank seiner Lage vor den Toren Afrikas und des Nahen Ostens, zum Brückenkopf am östlichen Mittelmeer und zur größten Metropole in der antiken Welt.

Das gesamte Wissen der damaligen Zeit wurde hier gesammelt, schriftlich niedergelegt, systematisch erfaßt und aufbewahrt. Alle subtilen Spielarten des Amüsements wurden in den Tavernen und Bordellen des Vorortes Canope praktiziert. Sämtliche Religionen kamen zur Entfaltung, bevor das Christentum und viel später der Islam den Sieg davontrugen.

Ein Weltwunder

An der für Hafenanlagen wenig geeigneten Mittelmeerküste gelegen, bot Alexandria mit der Pharos-Insel gegenüber, gleich einem natürlichen Bollwerk, erstaunliche Möglichkeiten, die der Architekt Dinokratus aus Rhodos umzusetzen wußte. Indem er Pharos durch einen Damm, den Heptastadion, mit dem Festland verband, schuf er zu beiden Seiten je einen Hafen: im Westen Eunostos, die »gute Heimkehr, der heute noch als moderner Hafenplatz dient; im Osten der Portus magnus, der »große Hafen der Antike, wo die Könige ihre besonderen Einrichtungen unterhielten, wo Augustus das Timonium errichten ließ, der in der Neuzeit zum halbkreisförmigen Ankerplatz umgebaut wurde und, gesäumt von einer Uferpromenade, den heutigen Reiz Alexandrias ausmacht.

Pharos ist nur noch eine Halbinsel, der Heptastadion schon lange verschwunden, denn der Damm wurde zu einer breiten Landzunge, und der Leuchtturm ist eingestürzt: das Werk Sostratos´ von Knidos war ein kühner, über hundert Meter hoher Turm, in dem stets ein Feuer brannte, das den Schiffern als Orientierungspunkt diente. Der Pharos von Alexandria zählte zu den sieben Weltwundern und hielt sich wacker trotz der Verwüstungen, welche die Stadt mehrere Male erleiden mußte, bis ihn ein Erdbeben und später die Kanonen der Mameluken in die Knie zwangen. Als Prototyp des Leuchtturms diente er auch als Vorläufer der Minarette – sagt man: die Form hatte Bestand, der Zweck wandelte sich. Heute markiert die massige Silhouette des Forts von Qait-bey seinen ehemaligen Standort.

Dinokratus von Rhodos nahm jene Städtebauprinzipien, die Hippodamos von Milet einst auf die Anlage von Piräus angewandt hatte, wieder auf und weitete sie auf die Dimensionen der ersten modernen Großstadt aus. Man schätzt ihre Bevölkerung zu Beginn unserer Zeitrechnung auf etwa eine Million – erst in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg wird diese Zahl wieder erreicht.

Längsstraßen wurden von Ost nach West parallel zur Küste angelegt, während die Nord-Süd-Verbindungen im rechten Winkel dazu angeordnet wurden und sich so ein ebenmäßiges Raster ergab. Die Kanopische Straße, die vom westlichen Tor zum Kanopischen Tor führte (später Raschid/Rosetta-Tor genannt), und deren Verlauf man im großen und ganzen in der ehemaligen Al-Horreyia-Straße, heute umgetauft in Gamal Abd al-Nasser-Straße, wiederfindet, kreuzte die breite Querstraße in der Innenstadt und bildete zusammen mit ihr einen Platz.

Diese einfache geometrische Unterteilung – unter anderem erlaubte sie der Stadt, sich der wohltuenden Wirkung der Meeresbrise zu erfreuen – ergab vier Quadranten oder vier Stadtviertel, die mit den ersten Buchstaben des griechischen Alphabetes gekennzeichnet wurden. Dieses System griffen moderne Architekten in einigen Städten wie Washington oder Barcelona wieder auf.




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