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Das neue Abu Simbel

Abu Simbel übt auf Touristen eine ganz eigenartige Faszination aus. Die spektakuläre Rettungsaktion der beiden Tempel ist daran sicher nicht ganz unbeteiligt: man bewundert die Effizienz der modernen Technik ebenso wie die Qualität der Reliefs von Ramses II. Vielleicht ist das unsere Art von Rache an einer Vergangenheit, die uns gleichzeitig in ihren Bann zieht und in den Schatten stellt. Das Ensemble wurde von Menschenhand perfekt wiederaufgebaut, hat aber einen Teil seiner Seele eingebüßt. Wie läßt sich in dieser einzigartigen Umgebung von Wasser und Sand, die ihre Größe noch steigert, etwas vom Leben dieser Heiligtümer wiederfinden?

Wer einen Platz in einem Flugzeug ergattert, erreicht Abu Simbel in etwa einer halben Stunde, nachdem er den Nasser-See und seine unzähligen Verzweigungen in den Seitenwadis überflogen hat. Seit neuestem erreicht man Abu Simbel auch auf einer Straße am linken Ufer mit dem Auto oder Bus. Statt an einem Tag die Hin- und Rückfahrt in einer Art Marathon zurückzulegen, steigt man besser im einzigen kleinen komfort-ablen Hotel ab und erhält so Gelegenheit, die Tempel im Licht der unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten zu bewundern.

Das Werk des Baumeisters Ramses´ II., die Jahrtausende später gefällte Entscheidung, Niedernubien von der Landkarte verschwinden zu lassen und die dortigen Bauwerke zu opfern, und die Rettung dieser beiden unvergleichlichen Baudenkmäler verdienen wohl, kurz innezuhalten.

Der Pharao ließ zu seinem Ruhm und zu dem seiner Frau Nefertari zwei Felsengräber – von gigantischen, direkt in den Stein gehauenen Kolossen bewacht – sogenannte Hypogäen, aushöhlen. Er verfügte, daß auf den Wänden der unterirdischen Räume, die gemäß des Grundrisses eines klassischen Tempels angelegt sind, die berühmte Schlacht von Kadesch nachgezeichnet würde, die er gegen die Hethiter schlug. An dieses Heldenepos fügen sich Szenen von Opfergaben für die Götter an. Die Ramses-Kunst übertrifft sich hier selbst mit all ihrer Lebhaftigkeit, ihrer Schnelligkeit, ihrer Eleganz.

Das Gebiet weiter südlich von Abu Simbel gehört schon zum Sudan. Früher bediente das Postschiff die Linie Chellal (Hafen von Assuan) – Wadi Halfa jenseits der Grenze. Heute sind alle Dörfer im Stausee versunken und besorgen alte Ruderboote die Überfahrt. Wadi Halfa ist nichts weiter als ein ödes Elendsviertel, dessen Bewohner die überflutete Gegend verlassen haben. Das einzige Überbleibsel ist der Bahnhof, des Wilden Westens würdig, dessen Gleise mitten in der Wüste enden. In achtundvierzig Stunden erreicht ein Bummelzug Khartum. Er hält an den Bahnhöfen, welche die Wasserstellen versorgen. Diese Fahrt, als solche schon ein Abenteuer voller Unbekannter, ist vorausblickenden Reisenden vorbehalten, die zur Vorsicht Essen und Getränke mitgenommen haben.

Einmal im tiefen Süden, in Assuan oder, noch weiter, im Sudan angekommen, bleibt eigentlich nur noch, den Rückweg in die Hauptstadt Kairo einzuschlagen und sich diesem Riesenmoloch zu stellen.




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